Unsere Stopfkursreisen sind Abenteuer.

Da sind unbekannte Orte, unbekannte Menschen, da ist viel Gepäck. Da ist vor allem die Bereitschaft sich überraschen zu lassen und sich einzulassen.

Letztes Wochenende waren wir in Stuttgart, wo unsere Kurse in einem Container stattfanden. Genauer gesagt im TAUT, dem Ausstellungsraum der Container-City des Kunstverein Wagenhalle.



Die Container-City haben sich die Kunstschaffenden in direkter Nähe zur Wagenhalle errichtet, als sie wegen der Sanierungsarbeiten dort ausziehen mussten. Es sollte ein Übergangsquartier werden, bis die Wagenhalle wieder beziehbar wäre.

Nun will das Quartier, mit vielen daran angeknüpften Projekten, die das Brachgelände mit Pflanzenanbau, Theater und anderen Kulturformen bespielen, am liebsten bleiben und ernannte das Gelände um die Wagenhalle herum zum Kulturschutzgebiet. Große Kräfte wurden aufgebracht, um die Stadt von seiner Daseinsberechtigung zu überzeugen. Immer wieder zerrte die prekäre Lage an den Ressourcen der Akteure.

Geduldig, meist freundlich und kompetent wurden Fragen nach Nutzen und Notwendigkeit beantwortet. Diesen Eindruck bekam ich beim Lesen verschiedener Artikel.

Um neue Perspektiven zu beleben, braucht es die Kunst. Ohne Beobachter aus der Kunst blieben viele Perspektiven fad, farblos, leblos und vielleicht sogar unsichtbar. Kunst regt dazu an, die Dinge neu zu betrachten. Hilfreich, wenn man sich ein möglichst ganzes Bild von einer Sache machen möchte.

Im Zuge von Stuttgart 21 ist die Fläche um die Wagenhalle Gegenstand städtebaulicher Diskurse, die dafür sorgen, dass es immer wieder ungemütlich wird für den Verein.


Ein Container- fast ein Sinnbild von Ungemütlichkeit, oder? 
Ungemütlich - Handarbeiten. Widersprüchlicher geht’s kaum. Und noch widersprüchlicher, wenn es um gemeinschaftliches Handarbeiten gehen soll.

Für mich fühlte sich das dennoch stimmig an, irgendwie. Aber hatte ich vielleicht nicht genug Rücksicht genommen auf die Bedürfnisse meiner Mitstreiterinnen und die der Kursteilnehmerinnen? Ich hatte den Ort bewusst gewählt, hatte aber auch aufgrund fehlender Alternativen nicht allzu viel darüber nachgedacht. 
Erst später, auf der Heimfahrt, spürte ich dem nach, warum es für mich stimmig war an diesen Ort zu kommen.

Ungemütlichkeiten sind dem Handwerk spätestens seit der Moderne, die die traditionelle Gesellschaft ins Prekariat stürzte, gut bekannt. 
Heute erfahren Handwerk und Handarbeiten ein Revival. Die Kunststopferei war nahezu verschwunden und kommt nun in neuem Gewand, das von vielen erst einmal skeptisch betrachtet wird.

Das, was wir Stopfer machen, steht auf der Schwelle von Hobby zu Beruf. Die Grenzen zu ziehen ist eine ungemütliche Aufgabe. Es gilt zu vermeiden, dass wir uns rechtfertigen. Vor allem unsere Elterngeneration fordert uns da heraus.
Gefragt ist Auseinandersetzung mit einer Vielfalt von Themen.
Stopfer und Reparateure beantworten täglich Fragen nach Nutzen und Notwendigkeit ihrer Arbeit. Wenn die Fragen nicht von außen kommen, dann mit Sicherheit von innen, denn dahin wendet man sich bei der Handarbeit ganz automatisch.
Sich auseinander zu setzen ist anstrengend und gleichzeitig so befriedigend, denn die Argumente dafür sind gut!

Die Reparaturen, die wir öffentlich zeigen, sorgen dafür, dass mehr Menschen gerne hinsehen. Wir lenken damit den Blick hin zu gesellschaftsrelevanten Themen. Unsere Arbeit stellt das Zeit-Leistungsverhältnis auf den Kopf, es stellen sich Fragen nach echten Werten. Womöglich unterstützen wir mit unserer Arbeit einen Perspektivenwandel in Hinsicht auf Lebensfokus, auf unseren Konsum und auf die Natur.
Reparieren ist ein radikaler Akt, so bezeichnen es die Schwestern Sonya und Nina von The Far Woods, und ich finde, dass es das sehr gut trifft.

Das war es, was ich unterbewusst mit diesem Ort verknüpfte, an dem wir nun leibhaftig standen und jede für sich sich fragte, wie zumutbar das Ganze war.

 

Das TAUT war ein von außen blauer und von innen weißer, bis auf ein schmiedeeisernes Kunstobjekt, leerer, von Neonröhren erleuchteter Cubus.
Anders als die ausgebauten und nach Ihren Bedürfnissen gestalteten Container der Künstler, die dem Format kreative Wärme verliehen, war das TAUT nackt und kalt. Einen Schimmer von Mitgefühl empfand ich da dem Container gegenüber, so verrückt das klingt. Wir wollten ihn nicht. Ihn mit seiner Ungemütlichkeit. Er spürte das und ich spürte, dass er es spürte :))

 

War es möglich, an diesem Ort eine Atmosphäre zu schaffen, in der unsere Teilnehmer und wir uns wohl fühlen konnten?

Wir sprachen unsere Zweifel nicht laut aus, das sorgte für eine klitzekleinwenig angespannte Stimmung, aber das Team kennt sich inzwischen gut und entschied im schweigenden Einvernehmen- kein guter Zeitpunkt für Kritik.

So machten wir uns daran, diesem Ort etwas abzugewinnen. Trugen Tische und Stühle und einen Strauß Blumen herbei. Nach und nach entpackten wir unser Equipment, Schachteln und Schächtelchen, Garne, Flickenstoffe und Filzwolle. Nadeln und Scheren. Unsere Lulas.
Das TAUT schien unsere Farben zu verschlucken. Es mochte sich noch von keiner anderen Seite zeigen neue war noch ein bisschen zickig.

 



Als die Teilnehmerinnen eintrafen, war das mulmige Gefühl nicht ganz gewichen. Welchen Komfort erwarteten sie? In welchen Punkten sollten und wollten wir grundsätzlich dieser Erwartung entsprechen? Was gibt unser Rahmen dafür überhaupt her? Das sind immer wiederkehrende Fragen, die uns beschäftigen.

Wir leiteten den Beginn des Kurses mit unserer Vorstellungsrunde ein und teilten uns bald auf.
Bald saß ein Teil des Kurses im warmen Sonnenschein auf dem Terassendeck des TAUT. Wir verloren uns in den Details und Eigenheiten, die jeder Reparatur innewohnen und begannen uns drinnen und draußen stopfend über ganz verschiedene Themen auszutauschen.


Bald genossen wir zusammen ein festliches Tupperdosenpicknick im Freien und kurz danach wurden die ersten Stopfergebnisse präsentiert. Glückliche Gesichter, wunderschöne Reparaturen, gefühlte Bereicherung auf allen Seiten.





Am Ende des Kurses spürten alle die Erschöpfung durch die ungewohnte Körperhaltung und Beanspruchung von Augen und Fingern.
Diese acht Stunden vergingen wieder wie im Flug, das TAUT hatte sich immer mehr zurückgehalten, war nicht mehr weiter in den Vordergrund getreten. Vielleicht hatte es sich ein stilles Eckchen gesucht, brauchte seine Ruhe zum stopfen.

 

Es war also nicht weiter ungemütlich. Aber der Ort hat Spuren einer besonderen Anstrengung in mir hinterlassen. Nicht das erste Mal, übrigens. Das gehört bei Räubersachen dazu.

Sibylle reiste noch am Sonntag ab, weil schon nächste Aufgaben auf sie warteten. Andrea’s und meine Zugverbindung ging erst am Montag und wir wollten eigentlich auch die dritte Nacht in einem schönen Backsteinhaus auf dem Gelände verbringen.

Doch die Umstände verlangten plötzlich anderes. Man könnte auch sagen: Wir wollten es einfach wissen.

Von der freundlich aufgeschlossenen Theater WG des O-Teams (Danke liebe Nina, danke lieber Samuel!) liehen wir uns einen Heizkörper und ein gelbes Campinglicht, schnappten uns Matten und Kamelhaardecken, die uns unser Kontaktmann (Danke lieber Jan!) in seinem Büro bereitgelegt hatte und... stiefelten zum TAUT.

Da bauten wir uns ein sehr gemütliches, warmes, weiches Nachtlager in den Container.

Bald schon prasselte ein schönes Feuer in der TAUTschen Feuerschale und bei einem Glas Wein ließen wir das Wochenende ausklingen. Warm war das, intensiv und folgerichtig. (Aleksandra)

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